Die rebellische Hoffnung von Hamburg – Eine erste, vorläufige Bilanz Erste Berichte, Auswertung und Diskussion aus der Perspektive von Block G 20

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Die rebellische Hoffnung von Hamburg – Eine erste, vorläufige Bilanz

Erste Berichte, Auswertung und Diskussion aus der Perspektive von Block G 20
Die rebellische Hoffnung von Hamburg
Eine erste, vorläufige Bilanz der Interventionistischen Linken

Sagen wir zuerst das Allerwichtigste: Hamburg befand sich nicht nur eine Woche im polizeilichen Ausnahmezustand, der uns eine Warnung sein sollte. Nein, ebenso wichtig: Zehntausende haben ihm getrotzt. Zehntausende haben keine Angst gehabt oder sind trotz ihrer Angst auf der Straße gewesen. Jede Demonstration,

jedes Cornern und jedes aufgebaute Zelt stand unter der perma¬nenten und allgegenwärtigen Drohung polizeilicher Gewalt. Nie¬mand war vor ihr sicher. Das ist der Rahmen, in dem jede ein-zelne Aktion und jede Teilnehmer_innenzahl zu sehen ist. Dieser Mut und dieser Ungehorsam – von alt bis jung, von friedlich bis militant, von politisch bis kulturell – bleiben. Dieses Zeichen wird auch von unseren Freund_innen in Brasilien, Griechenland oder Südafrika verstanden werden. Egal was die Presse schreibt, egal was die Umfragen sa-gen. Das Kalkül, mit Repression und Diffa¬mierung die Linke isolieren zu können, ist auf der Straße phäno¬menal ge¬scheitert und hat sich ins Gegenteil verkehrt. Mit ein paar Linken wären Olaf Scholz und seine Einheiten vielleicht fer¬tig geworden – nicht aber damit, dass sich große Teile der Be¬völkerung solidarisierten. Unter Einsatz ihrer Körper. Auf der Straße. Massenhaft und ungehorsam in allen erdenkli¬chen For¬men und Farben.

Gipfel der 20, Gipfel der Vielen
Reden wir kurz über ihren Gipfel: Angela Merkel ist ihre G20-Show gründlich misslungen. Konkrete Ergebnisse des mindes¬tens 400 Millionen teuren Gipfels, für den eine Milli-onenstadt über eine ganze Woche hinweg in den Ausnah-mezustand ver¬setzt wurde? Fehlanzeige! Das Versprechen vom „Festival der Demokratie“ oder dem Gipfel fast ohne Beeinträchtigungen? Gebrochen! Der Versuch, mit einem riesigen Polizeiaufmarsch und rigoroser Verbotspolitik die Proteste fern und klein zu hal¬ten? Gescheitert. Desaster ist ein oft gebrauchter Begriff der bürgerlichen Presse hierfür. Olaf Scholz und sein Innensenator sind blamiert bis auf die Knochen. Gipfeltreffen dieser Größen¬ordnung in einer Großstadt in Westeuropa? Auf Jahre hinaus undenkbar. Die ganze Perspektivlosigkeit und Traurigkeit des globalen Kapitalismus, der keinerlei Zukunft mehr verspricht, wurde in ihrem hohlen Gipfeltheater deutlich. Es ist daher nicht nur der Riot der Freitagnacht, der Politik und Medien jetzt so auf¬heulen lässt, sondern auch ihre Niederlage auf der Straße. Eine Niederlage, von der sie nicht zulassen kön-nen, dass sie als un¬ser Sieg erscheint.
Nun zu unserem Gipfel: Wir wollten das Spektakel der Macht nicht nur stören, sondern noch viel mehr. Wir wollten einen Auf¬stand der Hoffnung, die Alternativlosigkeit durch-brechen und zei¬gen, dass Widerstand und grundsätzlicher Widerspruch von links kommen. Dass sich der reale Kon-flikt um und in Hamburg tat¬sächlich als ein Widerstand ge-gen den Ausnahmezustand, als ein Konflikt um die Demo-kratie, als ein Kampf um das Recht auf die Stadt abspielen würde – das war natürlich so nicht geplant, aber es hat der Sache selbst entsprochen. Das alte Motto der Globalisie-rungsbewegung „Global denken, lokal handeln“ hat in Hamburg eine interessante und neue Wendung bekom-men.

Eine Woche Ungehorsam
Die Woche des Aufbegehrens begann mit der Einschüchte-rung und der Drohung: Wir sollten nirgendwo sein. Nir-gendwo schla¬fen, nirgendwo essen und auf 38 Quadratki-lometer keine politi¬schen Subjekte sein. Unsere Orte zum Schlafen und Versam¬meln wurden brutal schikaniert und geräumt. Die Polizei putschte gegen die Justiz. Ihre Besat-zungsarmee militarisierte die Stadt. Doch am Ende waren die Vielen überall und sie hatten die Angst verloren.
Das ist vor allem der überwältigenden Solidarität in Ham-burg zu verdanken. Menschen teilten ihre Wohnungen. In Hinterhöfen wurden Zelte aufgeschlagen. Mehrere Kirchen in St. Pauli und Altona öffneten ihre Türen und es entstan-den Camps um sie herum. Das Schauspielhaus ließ G20-Gegner_innen zum Schlafen und Essen hinein, ebenso der FC St. Pauli. Sie wollten uns auseinandertreiben, uns tren-nen und spalten, aber das Ge¬genteil ist geschehen: Das Band der Freundschaft und der Soli¬darität zwischen ganz unterschiedlichen Menschen und Spektren wurde immer stärker – und es wird die Tage des Protests und des Wi-derstandes überdauern.

3 Tage wach
Die Wende von der Einschüchterung und Ohnmacht be-gann mit dem massenhaften Cornern am Dienstag und dem Wasserwer¬fer-Angriff der Polizei am Arrivati-Park. Die Leute wichen zwar kurz zurück, aber sie ließen sich nicht mehr zerstreuen. Die Angst wich langsam dem Trotz und dem Selbstbewusstsein. Die Polizei wollte die Stadt und ihre Plätze besetzen. Die starke Ant¬wort war der Demo-Rave von Alles Allen, mehr als 20.000 strömten zusammen und tanzten gegen G20. Damit war der Damm der Ohn-macht gebrochen.
Am Donnerstag dann der maßlos brutale, unprovozierte Angriff der Polizei auf Welcome to Hell. Allen war klar, dass Senat und Polizei sich schon vorher entschlossen hatten, die genehmigte Demonstration nicht laufen zu lassen. Und trotzdem, trotz der Prügel, trotz des massiven Einsatzes von Reizgas, trotz einer Polizeibrutalität, die an dieser Stelle hätte tödlich enden können: Die Demo sammelte sich erneut, Menschen kamen hinzu, solida-risierten sich und lief dann doch. „Das ist unsere Stadt“ war eine Parole, die von nun an der Polizei immer wieder entgegen¬schallte.

Block G20
Die Rebellion der Hoffnung fand statt, ein solidarisches und mu¬tiges Aufbegehren der Vielen. Dieser G20-Gipfel konnte nicht ta¬gen, ohne dass wir einen spürbaren und wahr¬nehmbaren Un¬ter¬schied machten. Die „Blaue Zone“ be¬stand nur in der Fantasie der Gipfelstrategen, praktisch hatte sie am Tag der Blockaden, dem Freitag, keine Be-deutung.
Die Aktionen von BlockG20 begannen mit der kollektiven Weige¬rung, die Demonstrationsverbotszone anzuerkennen. Von allen Seiten drangen wir bis auf die Protokollstrecken vor. Wir wurden angegriffen, gestoppt und geschlagen. Doch wir standen wieder auf, sammelten uns neu und machten weiter. Und es gelang tat¬sächlich, den Ablauf des Gipfels durcheinanderzubringen: Do¬nald Trump kam ver-spätet, Melania Trump konnte das Se¬nats¬gästehaus nicht verlassen, mehrere Delegationen drehten an Blockaden um, eine Veranstaltung mit Finanzminister Schäuble wurde abgesagt, das Konzert in der Elbphilharmonie begann mit großer Verzögerung.
Ent¬scheidend dafür war gute Planung und Vorbereitung in den Aktionstrainings ebenso wie die ungehorsame, mutige Sponta¬nität von Vielen. Die Farben der Finger füllten die Straßen, sie flossen, fluteten und verstopften. Und sie ver-selbständigten sich, wurden im Laufe des Tages von einer organisierten Blockade der Route zu einer spontanen Be-setzung der Stadt durch die Menge. Wir haben das Stau-nen wiederentdeckt, darüber wie unwider¬stehlich und un-aufhaltsam der Geist des Widerstandes durch die Stadt zog. Hamburger_innen, angereiste Aktivist_innen, Neu-Po-litisierte und allen voran die Jugend boten der Arroganz der Macht die Stirn. Jetzt erst Recht.

Grenzenlose Solidarität
Am Ende traten gezählte 76.000 Menschen gegen eine Welt der Angst ein. Sie waren dem gemeinsamen Aufruf zur Demonstra¬tion gefolgt. Die parallele Regierungsde-monstration von SPD und Grünen wurde zur peinlichen Marginalie. Die vielen Demonst¬rant_innen kamen, obwohl ihnen Angst gemacht werden sollte, obwohl ihnen von Me-dien und Inlandsgeheimdienst erzählt wurde, wie viele ge-fährliche Linksextremisten mitdemonstrieren würden. Sie kamen trotzdem, und sie kamen deswegen. Ge¬meinsam traten wir ein für Grenzenlose Solidarität, gegen die Welt der G20 und ihren Kapitalismus, für ein besseres Leben.

„Ganz Hamburg…“
Ja, zu den Bildern des Widerstands gehören auch jene, bei de¬nen Menschen der Kragen geplatzt ist, bei denen sie sich ge¬wehrt haben – und bei denen diese Gegenwehr um-schlug in Ak¬tionen, die sich nicht mehr gegen den Gipfel oder die Staats¬macht, sondern auch gegen Anwoh-ner_innen und Geschäfte richtete. Es waren nicht unsere Aktionen. Die IL stand und steht für den Alternativgipfel, für Block G20 und für die Großdemonst¬ration. Hier haben wir gesagt, was wir tun – und getan, was wir gesagt haben.
Aber wir können und wollen die Feuer der Freitagnacht nicht aus dem Ausnahmezustand lösen, in dem sie statt-fanden. Wenn die Polizei über Tage hinweg Menschen drangsaliert, schlägt und verletzt, sich wie eine Besat-zungsarmee aufführt, die von Dees¬kalation noch nie etwas gehört zu haben scheint, dann bleibt ir¬gendwann die spon-tane Antwort nicht aus.
Wir haben schon vorher gesagt, dass wir uns nicht distan-zieren werden und dass wir nicht vergessen werden, auf welcher Seite wir stehen. Wir stimmen nicht in den Chor derer ein, die jetzt von „Straftätern“ reden und die Mischung aus organisierten Militanten und zornigen Jugendlichen in die Nähe von Neonazis rücken. Die Unterbrechung und Zu-rückweisung ihrer Ordnung, die in den Aktionen lag, auch wenn wir sie in den Formen und den Zielen vielfach falsch finden, hat unser Verständnis.
Soweit die Aktionen von organisierten Gruppen ausgingen, fin¬den wir es problematisch, dass sie dafür keine politische Verant¬wortung übernehmen, sondern es anderen politi-schen Spektren überlassen, mit, für und über sie zu reden. Über das politische Konzept des Insurrektionalismus wird kritisch zu reden sein, das zwar den Hunger nach Rebellion bedient, aber von dem eben keine Hoffnung und keine So-lidarität ausgeht.

Schanze & Co
Auf unserer Seite, da stehen eben auch viele Anwoh-ner_innen auf St. Pauli, im Schanzenviertel und in Altona. Nicht wenige von uns leben selbst dort. Ohne sie, ohne ihre praktische Solidarität, wären die Tage der Gipfelproteste nicht möglich gewesen. Wenn sie angegriffen und bedroht werden, wenn sich Aktionen plötzlich nicht mehr gegen den Gipfel, sondern auch gegen unsere Freund_innen im Stadtteil richten, stehen wir an ihrer Seite.
Wir sind weiter eine IL, die im Stadtteil lebt. Wir sind Teil dieser Stadt und dieser Viertel, Teil der Recht-Auf-Stadt-Bewegung. Wir werden den Dialog führen und zwar mit al-len, die auf unserer Seite sind. Mit denjenigen, die das gut fanden und denjenigen, die darin kein politisches Handeln erkennen können. Wir wollen zuhören und lernen, da wir als Linke die sozialen Realitäten ja nicht einfach wegreden können, sondern uns in ihnen bewegen.

Die Tage danach
Und noch ein klares Wort zur Solidarität: Wir stehen gegen alle medialen Angriffe und Räumungsdrohungen fest an der Seite der Roten Flora, die das aus ihrer Sicht Notwendige zum Freitags-Riot gesagt hat. Wir sind ebenso solidarisch mit den G20-Entern-Gruppen und allen anderen, die jetzt in den Fokus der staatli¬chen Repression geraten. Und wir werden für alle einstehen, die noch im Knast sitzen oder von Repression betroffen sind. Ihr seid nicht alleine!
Zugleich verabscheuen wir die verlogene Doppelmoral von Tei¬len der bürgerlichen und politischen Klasse. Sie brau-chen die Bilder brennender Autos und eingeschlagener Scheiben, um die Bilder der Ertrinkenden im Mittelmeer, der Opfer ihrer Kriege oder der Obdachlosen, die unter den Schaufensterscheiben ihrer Lieblingsgeschäfte schlafen, aus ihrem Kopf bekommen zu kön¬nen. Wie dünn der zivili-satorische Lack ist, unter dem bei angeb¬lich liberalen Men-schen der Hass auf jede Infragestellung der Ordnung und polizeistaatliche Bestrafungsfantasien verborgen sind, er-schreckt uns. Zu reden sein wird stattdessen über die maßlose Polizeigewalt dieser Tage, über die Legitimierung des Ausnahmezustands und darüber, wie wir hiergegen breite, soli¬darische Gegenwehr organisieren können.
Wir können nicht verstehen, wie in einem Land, wo 10 Jahre vergehen konnten, bis ein mordendes rechtes Ter-rornetzwerk überhaupt erkannt wurde und wo täglich Ge-flüchtete angegriffen werden, gerade einmal ein Tag verge-hen muss, bis viele von lin¬kem „Terror“ sprechen.

Wir sehen uns…
Für die Zukunft werden wir sorgfältig auswerten, welche Akti¬onsformen und politischen Strategien wir unter den Be-dingungen einer polizeilichen Bürgerkriegsübung im urba-nen Raum ange¬messen sind. Dazu und zu anderen ange-sprochenen grundsätz¬licheren Fragen werden wir uns zu gegebener Zeit nach gründli¬cher Diskussion äußern.
Es bleibt der Rückblick auf eine ermutigende Gipfelwoche mit ei¬ner Vielfalt von Aktionen und Widerstandsformen, die zehntau¬sende mobilisiert und ermutigt hat, von autonomer Szene bis zu den Gewerkschaften, die sich in der Ableh-nung des G20, des Gipfeltreffens und seiner Effekte in Hamburg einig waren. Ham¬burg war die rebellische Stadt, die diesen Protest lebendig ge¬macht hat. Wir haben Mut und Vertrauen gefasst, in uns selbst und in die Bündnis-partner_innen, die mit uns standen. Die Tage von Ham-burg gingen tiefer als die Meinungsumfragen und medi¬alen Stimmungshochs. Sie werden noch lebendig sein, wenn niemand mehr weiß, wer eigentlich Olaf Scholz war. Sie tragen uns in die Kämpfe, die noch vor uns liegen, bis end-lich alles ganz anders wird.
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Einige Geschäftstreibende aus dem Schanzenviertel
„+++ STELLUNGNAHME ZU DEN EREIGNISSEN VOM WO¬CHENENDE +++
Wir, einige Geschäfts- und Gewerbetreibende des Hamburger Schanzenviertels, sehen uns genötigt, in Anbetracht der Bericht-erstattung und des öffentlichen Diskurses, unsere Sicht der Er-eignisse zu den Ausschreitungen im Zuge des G20-Gipfels zu schildern.
In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 2017 tobte eine Menge für Stunden auf der Straße, plünderte einige Läden, bei vielen ande¬ren gingen die Scheiben zu Bruch, es wurden brennende Barri¬kaden errichtet und mit der Polizei gerungen.
Uns fällt es in Anbetracht der Wahllosigkeit der Zerstörung schwer, darin die Artikulation einer politischen Überzeugung zu erkennen, noch viel weniger die Idee einer neuen, besseren Welt.
Wir beobachteten das Geschehen leicht verängstigt und skep¬tisch vor Ort und aus unseren Fenstern in den Straßen unseres Viertels. Aber die Komplexität der Dynamik, die sich in dieser Nacht hier Bahn gebrochen hat, sehen wir weder in den Medien noch bei der Polizei oder im öffentlichen Diskurs angemessen reflektiert.
Ja, wir haben direkt gesehen, wie Scheiben zerbarsten, Parkau-tomaten herausgerissen, Bankautomaten zerschlagen, Straßen-schilder abgebrochen und das Pflaster aufgerissen wurde.
Wir haben aber auch gesehen, wie viele Tage in Folge völlig un-verhältnismäßig bei jeder Kleinigkeit der Wasserwerfer zum Ein¬satz kam. Wie Menschen von uniformierten und behelmten Be¬amten ohne Grund geschubst oder auch vom Fahrrad geschla¬gen wurden. Tagelang. Dies darf bei der Berücksichtigung der Ereignisse nicht unter den Teppich gekehrt werden.
Zum Höhepunkt dieser Auseinandersetzung soll in der Nacht von Freitag und Samstag nun ein „Schwarzer Block“ in unserem Stadtteil gewütet haben. Dies können wir aus eigener Beobach¬tung nicht bestätigen, die außerhalb der direkten Konfrontation mit der Polizei nun von der Presse beklagten Schäden sind nur zu einem kleinen Teil auf diese Menschen zurückzuführen.
Der weit größere Teil waren erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fußballspiel oder Bushido-Konzert über den Weg laufen würden als auf einer linksradikalen Demo. Es waren betrunkene junge Männer, die wir auf dem Baugerüst sahen, die mit Fla¬schen warfen – hierbei von einem geplanten „Hinterhalt“ und Be¬drohung für Leib und Leben der Beamten zu sprechen, ist für uns nicht nachvollziehbar.
Überwiegend diese Leute waren es auch, die – nachdem die Scheiben eingeschlagen waren – in die Geschäfte einstiegen und beladen mit Diebesgut das Weite suchten. Die besoffen in einem Akt sportlicher Selbstüberschätzung mit nacktem Ober¬körper aus 50 Metern Entfernung Flaschen auf Wasserwerfer warfen, die zwischen anderen Menschen hernie¬dergingen, wäh¬rend Herumstehende mit Bier in der Hand sie anfeuerten und Handyvideos machten.
Es war eher die Mischung aus Wut auf die Polizei, Enthemmung durch Alkohol, der Frust über die eigene Existenz und die Gier nach Spektakel – durch alle anwesenden Personengruppen hin¬durch –, die sich hier Bahn brach.
Das war kein linker Protest gegen den G20-Gipfel. Hier von lin¬ken AktivistInnen zu sprechen wäre verkürzt und falsch.
Wir haben neben all der Gewalt und Zerstörung an dem Tag viele Situationen gesehen, in denen offenbar gut organi¬sierte, schwarz gekleidete Vermummte teilweise gemeinsam mit Anwohnern eingeschritten sind, um andere davon abzu¬halten, kleine, inhabergeführte Läden anzugehen. Die ande¬ren Vermummten die Eisenstangen aus der Hand nahmen, die Nachbarn halfen, ihre Fahrräder in Sicherheit zu bringen und sinnlosen Flaschenbewurf entschieden unterbanden. Die auch ein Feuer löschten, als im verwüsteten und geplünderten „Flying Tiger Copenhagen“ Jugendliche versuchten, mit Leuchtspurmu¬nition einen Brand zu legen, obwohl das Haus bewohnt ist.
Es liegt nicht an uns zu bestimmen, was hier falsch gelaufen ist, welche Aktion zu welcher Reaktion geführt hat.
Was wir aber sagen können: Wir leben und arbeiten hier, be-kommen seit vielen Wochen mit, wie das „Schaufenster moder¬ner Polizeiarbeit“ ein Klima der Ohnmacht, Angst und daraus re-sultierender Wut erzeugt.
Dass diese nachvollziehbare Wut sich am Wochenende nun wahllos, blind und stumpf auf diese Art und Weise artikulierte, bedauern wir sehr. Es lässt uns auch heute noch vollkommen er-schüttert zurück. ennoch sehen wir den Ursprung dieser Wut in der verfehlten Politik des Rot-Grünen Senats, der sich nach Au¬ßen im Blitz¬lichtgewitter der internationalen Presse sonnen möchte, nach In¬nen aber vollkommen weggetaucht ist und einer hochmilitari-sierten Polizei das komplette Management dieses Großereignis¬ses auf allen Ebenen überlassen hat.
Dieser Senat hat der Polizei eine „Carte Blanche“ ausgestellt – aber dass die im Rahmen eines solchen Gipfels mitten in einer Millionenstadt entstehenden Probleme, Fragen und sozialen Im-plikationen nicht nur mit polizeitaktischen und repressiven Mitteln beantwortet werden können, scheint im besoffenen Tau¬mel der quasi monarchischen Inszenierung von Macht und Gla¬mour voll-kommen unter den Tisch gefallen zu sein.
Dass einem dies um die Ohren fliegen muss, wäre mit einem Mindestmaß an politischem Weitblick absehbar gewesen.
Wenn Olaf Scholz jetzt von einer inakzeptablen „Verrohung“, der wir „uns alle entgegenstellen müssen“, spricht, können wir dem nur beizupflichten.
Dass die Verrohung aber auch die Konsequenz einer Gesell¬schaft ist, in der jeglicher abweichende politische Ausdruck pau¬schal kriminalisiert und mit Sondergesetzen und militarisierten Einheiten polizeilich bekämpft wird, darf dabei nicht unberück¬sichtigt bleiben.
Aber bei all der Erschütterung über die Ereignisse vom Wochen-ende muss auch gesagt werden:
Es sind zwar apokalyptische, dunkle, rußgeschwärzte Bilder aus unserem Viertel, die um die Welt gingen. Von der Realität eines Bürgerkriegs waren wir aber weit entfernt. Anstatt weiter an der Hysterieschraube zu drehen sollte jetzt Be¬sonnenheit und Refle¬xion Einzug in die Diskussion halten. Die Straße steht immer noch, ab Montag öffneten die meisten Geschäfte ganz regulär, der Schaden an Personen hält sich in Grenzen. Wir hatten als Anwohner mehr Angst vor den mit Maschinenge¬wehren auf un¬sere Nachbarn zielenden bewaffneten Spezialein¬heiten als vor den alkoholisierten Halbstarken, die sich gestern hier ausgetobt haben. Die sind dumm, lästig und schlagen hier Scheiben ein, erschie¬ßen dich aber im Zweifelsfall nicht.
Der für die Meisten von uns Gewerbetreibende weit größere Schaden entsteht durch die Landflucht unserer Kunden, die keine Lust auf die vielen Eingriffe und Einschränkungen durch den Gipfel hatten – durch die Lieferanten, die uns seit vergange¬nem Dienstag nicht mehr beliefern konnten, durch das Ausblei¬ben unserer Gäste.
An den damit einhergehenden Umsatzeinbußen werden wir noch sehr lange zu knapsen haben. Wir leben seit vielen Jahren in friedlicher, oft auch freundschaft¬lich-solidarischer Nachbarschaft mit allen Formen des Protestes, die hier im Viertel beheimatet sind, wozu für uns selbstverständ¬lich und nicht-verhandelbar auch die Rote Flora gehört. Daran wird auch dieses Wochen¬ende rein gar nichts ändern.
In dem Wissen, dass dieses überflüssige Spektakel nun vorbei ist, hoffen wir, dass die Polizei ein maßvolles Verhältnis zur De¬mokratie und den in ihr lebenden Menschen findet, dass wir alle nach Wochen und Monaten der Hysterie und der Einschränkun¬gen zur Ruhe kommen und unseren Alltag mit all den großen und kleinen Widersprüchen wieder gemeinsam angehen können.
Einige Geschäftstreibende aus dem Schanzenviertel
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